Ein Mühlstein wurde zum Ehrenmal in Lessenich
VON KARL JOSEF ESCHWEILER
Vor nunmehr 50
Jahren errichteten Lessenicher Bürger, unter ihnen vor allem der
Schmiedemeister Karl Josef Eschweiler, „Schölle Karl" genannt, das
Ehrenmal auf dem Schlösserberg. Wie es dazu kam, beschreibt Eschweiler in
seiner urwüchsigen Art im folgenden Bericht.

Schmiedemeister
Karl-Josef Eschweiler aus Lessenich (1857
bis 1933), dessen Initiative die Errichtung
des Ehrenmals auf dem Schlösserberg zu danken ist.
Dem Wunsche des Herrn Lehrers Lehmacher, welcher zur Zeit
die Chronik der Gemeinde niederschreibt, nachkommend, schildere ich hiermit
die Entstehungsgeschichte unseres Ehrenmals für unsere im Weltkriege 1914/18
gefallenen Helden.
Nachdem alles Reden mit der Gemeindevertretung betreffs
Errichtung eines Ehrenmals vergeblich war, und mein guter Freund, Johann
Klöckner, dessen einziger Sohn auch für Heimat und Vaterland gefallen —, aus Gram gestorben war, stand ich allein,
wünschte den Herrn gute Besserung und sagte zu mir, es wird ein Andenken an
die Gefallenen gebaut und zwar auf eigene Faust, ohne königl. Baurat, ohne hofmäßige
Genehmigung, auf eigenem Boden. Den Entwurf machte ich mir aus eigenem Kopfe
und meiner Tasche.
In Eiserfey hatte ich einen Kollegen, ein Grobschmied wie
ich, Nikolaus Mauel. Bei einem Besuch zeigte er mir sein Besitztum; unter
anderem eine alte, eingegangene Pulvermühle. Auf dem Areal standen schöne Nuß-
und Obstbäume, alte Brocken Mauerwerk, auch ein Mahlstein — Durchmesser
1,85 m, Dicke ungefähr 0,40 m. Heute kann man ihn
nachmessen. „Nu Nicklos, watt mähst du möt dem Steen"? fragte ich den
Kollegen. „Ja, dän kannst du han, ich hellepe Dir en och noch oplade."
„Ich haale Dich beim Woert." Ich ging nach Hause und überlegte, der
schöne Stein lag mir am Herzen. Ich hatte unter den Wirten früher viele
Freunde. Einer hatte unter seiner Toreinfahrt drei Kugelsteine liegen,
Schöppsteine, jetzt sagt man Prellsteine. Er fragte mich: „Kannst Du die nicht
gebrauchen?“ Ich: „Doch, wie teuer?" „Du kriegst sie wohlfeil.“ Ich kaufte
dieselben für 15,— Mark, schon vor dreißig Jahren. Davon hatte
der Dickste einen Durchmesser von ca. 0,60 m.
In unserer Kirchhofsmauer waren Steinkreuze teilweise
eingemauert, u. a. ein abgebrochenes Kreuz, worin das Herz der schmerzhaften
Mutter mit den sieben Schwertern kunstgerecht eingemeißelt war; das mußte ich
haben. Die Herren vom Gemeinderat unter Vorsitz des Herrn Johann Esser,
schenkten mir dasselbe, wußten aber nicht, wozu ich es verwenden wollte. Jetzt
überlegte ich weiter. Der große Stein vom Kollegen Nicklos, der alte
Prellstein, dann das alte Kreuz aus dem 17. Jahrhundert, aufeinandergestellt, das wäre
etwas.
Anderen Morgens sagte ich zu meiner Haushälterin: „Koche
beizeiten, ich gehe gegen 12.00
Uhr aus!"
Gegen 3 Uhr
nachmittags war ich beim Kollegen Nicklos, und mit dem Gruße „Gott segne das
ehrbare Handwerk!" stand ich neben ihm am Amboß. „Gott segne es! Watt
wills Du att wedder he?" fragte Nicklos. „Ich will ens hüre, wann Due die
Zitt hätts und hölleps mie der Steen oplade" „Ja, der Steen kanns Du net
mie han, dofür hätt der Steenhäuer mir 5000,— Mark jebodde"
„Watt kömmert mich der Steenhäuer, ich kann der Steen bruche!" „Der wied
en och bruche könne, ävver die 5000,—
Mark", säht Nicklos. „Hür ens he Nicklos, der Steenhäuer hätt dir 5000,—
Mark versprauche. Du helleps mir en oplade un ich kann Dir der Steen, wenn er
nüs kauß, baar bezahle, dat ös jett andersch als verspreiche." „Loß mir
ens ischt jett Kaffee drönke john", säht Nicklos. Op dat Woert han ich att
lang jewaat!
„Frau,“ säht Nicklos, —
er hätt nämlich en staatse Frau — „he ös
Karl, her wellt mir der Steen afkoofe." „Dann loß Dir at en Million
jävve" säht die Frau. „Enä" säht ich, „dat wollt Ihr net haan!"
„Die wellt für der Steen nüs haan!" „Dat ös mir och räch!" säht die
Frau. „Mir wolle jet Kaffee drönke!" On dat war mir och räch. Et wor at
spät woade. Nach dem Kaffee verabschiedete ich mich von der liebenswürdigen
Frau, Nicklos begleitete mich bis auf die Straße, dann fragte ich ihn: „Nun wie
häs Due et möt dem Steen, ich muß den haan!" „Jot, dann jeß Du mir 1000,— Mark dofür!" — „Dä, do haß due se" „Naach Nicklos!" „Naach Karl." „Ich hellepe lade",
rief er mir noch nach. Nun mußte ich nach Hause, denn es war am Dunkeln und
noch zweieinhalb Stunden laufen ist und war für mich nicht leicht, bei meinen
zwei Zentnern.
Kurz hinter Eiserfey kam ich an einem Marmorsteinbruch
vorbei. Da lagen schöne, schwerbehauene Steine.
Ich besah mir dieselben und dachte: „Davon kannst Du auch einen gebrauchen!"
Ich wußte nicht, wem die Steine gehörten, und es war wie
gesagt Abend, und es ging nach Hause. Anderen Morgens, gut gefrühstückt, ging
ich wieder nach Eiserfey, fragte nach Namen, Stand und Wohnung des Eigentümers
der Steine und kam in die Wohnung der Witwe Eßer. Die Witwe mit ihren beiden
Söhnen hatte eben zu Mittag gespeist. Die Mutter war beim Spülen, die Söhne
beim Rauchen. Nach der üblichen Vorstellung kam ich unter anderem auf die
Steine zu sprechen und sagte: „Da liegt der erste Stein in der Grube, man kann
sagen: am Eingang, — auch am Ausgang. Den
könnte ich gebrauchen. Ich will es besser offen sagen: den muß ich haben! Wie würden Sie mir den Stein überlassen?"
Nun wollten die Herren erst wissen, was ich mit dem Stein
wollte. Das konnte ich ihnen nicht krumm nehmen und habe ehrlich gebeichtet.
Jetzt fragte der Jüngste den Älteren, der Ältere fragte die Mutter, und keiner
wußte den Preis. Nachdem wir über Wege, Pferde und Wetter viel gesprochen,
fragte ich wieder nach dem Preise des Steines. Dasselbe Resultat wie beim
ersten Rundgang. Jetzt fragte ich die Söhne, ob sie den Stein kennen, der unten
an der Pulvermühle läge. Den kannten die Herren wohl gut. „Den habe ich gestern
Abend von Nicklos gekauft! — für 1000,—
Mark."
„Und wenn es aufs Pfund ginge, wäre er doch dreimal mehr
wert wie der Eurige!" „Ja", sagte der Jüngste, „l000,— Mark, dafür kriegt man heute kein Päckchen
Tabak." Ich habe ihnen offen gesagt, ich muß den Stein haben, denn für
Nicklos seinen Stein drauf zusetzen, muß ich eine ordentliche Unterlage haben.
Jetzt fragte der Jüngste wieder den Älteren, der fragte wieder Mutter und die
Mutter wußte es auch nicht. Ich nahm allen Ernst zusammen und sagte: „Soll ich
denn den Preis machen für den Stein?" Ja, ich sollte es sagen, und ich
sagte: „Ihr schenkt mir den Stein!" Und wie aus einem Munde kam die
Antwort: „Ja! Ihr könnt den Stein haben!"
Im frohen Bewußtsein, daß die Hauptsteine für das zu
errichtende Denkmal für unsere gefallenen Helden mein Eigentum waren, ging ich
den weiten Weg nach Hause, überlegend den Transport. Andern Morgens ging ich
zu Peter Kastert, machte ihn mit meinem Vorhaben bekannt, sagte ihm, die Steine
hätte ich gekauft, nur wäre es eine ebenso schwere Aufgabe, dieselben nach hier
zu bringen. Hilfsbereit wie immer, sagte er: „Gut, dann wird beizeiten
angespannt und dann holen wir die Steine!" „Hülfe zum Aufladen muß
mitgenommen werden!" Die „Hülfe" waren handfeste Männer, welche mit
Gottes Hilfe die Gefahren des Krieges überstanden, und als sie hörten, daß
wirklich für ihre gefallenen Kameraden ein Denkmal gebaut werden sollte, waren
sie Feuer und Flamme. Mit Lust und Liebe waren sie dabei und fuhren mit. Es
waren der Fuhrherr Peter Kastert. Johann Schmitz, Andreas Wiesen, Jakob Bünder.
Wir fuhren von hier über Rißdorf, Weiler, Holzheim. Harzheim
bis Eiserfey und kamen an den zuletzt genannten Stein. Der Wagen wurde
angesetzt, in die Hände gespuckt und angepackt, aber der Stein bewegte sich
nicht. Er war tot! Das alles niederschreiben kann ich nicht. Wir haben gehoben
und geschoben, bis der Stein auf dem Wagen lag. Die Pfeife angemacht, „ Jöö“ gesagt, die Pferde zogen an und wir
fuhren zu dem Stein von Nicklos. Den betrachteten wir mit erfahrenem Blick
stillschweigend. Jetzt schwoll dem Fuhrherrn Peter Kastert der Kamm und er
kanzelte mich nach allen Regeln der Kunst gründlich ab. daß ich nicht mehr Verstand
hätte von der Schwere eines Steines. Groß verteidigen konnte ich mich nicht,
habe nur erwidert: „Wenn der Steen en Wichsdos wär, dann hätt ich en at ens
lang herömgeworpe!" In dem Bewußtsein, daß der Mühlstein nicht fortgetragen
würde und wir bei dem welligen Gelände schwer genug geladen hatten, fuhren wir
nach Hause und gönnten uns einen Tag Pause. Die Pause wurde noch ausgefüllt
durch Abladen des Steines und Besorgen einer Fuhre, um den Mühlstein zu holen.
Dazu fand sich bereit Lorenz Wey. Der hatte als Gespann zwei deftige Ochsen.
Vorsichtig geworden, borgte ich in Vussem aus der Gießerei Hebezeug; einen
Dreibock und einen starken Flaschenzug, welche der Werkmeister mir gerne gab.
Wir hatten auch mehr Hilfskräfte mitgenommen. Diesmal waren es die Herren Peter
Kastert, Andreas Wiesen, Jakob Bünder, Johann Schmitz, Lorenz Wey. Auch zwei
Jungen von 12
bis 13
Jahren. Josef Wey und Josef Wiesen. Sie werden, wenn alt geworden, noch von
dieser Reise erzählen. Auch hatte ich auf Nicklos gerechnet. Er war leider
nicht zu Hause. Dafür sprang seine Frau ein und half, wo sie konnte. Auch noch
ein Schwager von Nicklos.
Mit unsäglicher Mühe und
aller Kraftanstrengung hoben wir den Stein auf den Wagen. Das hatte
dreieinhalb Stunden gedauert, ohne etwas dabei zu trinken. „Jo, Hü!" sagte
der Lorenz zu den Ochsen. Die Ochsen zogen an. Zehn Meter weiter blieben sie
stehen. Wir gingen in die Räder, halfen den Tieren. Die zogen wieder an und so
sind wir mit vereinten Kräften nach öfteren Atempausen bis auf die Straße gekommen.
Jetzt ging es besser, denn die Straße hat bis Vussem-Breitenbenden etwas
Gefälle. In Vussem wurde bei Gastwirt Franz Schneider der Kaffee getrunken, den
ich schon bei der Hinfahrt bestellt hatte. Franz freute sich über unseren
gesegneten Appetit. „Sag, Franz, kannst Du uns nicht vorspannen mit Deinen zwei
Pferden, damit wir den Holzheimer Berg hinaufkommen ?"
,,Dat han ich mir jedach". säht Franz. „Der Jong deet däm Päerd dä Hame at aan. Ich hellepe
üch bis noh Holzern!" Den Kaffee bezahlt, die Pferde vor die Ochsen
gespannt; Franz knallte mit der Peitsche —
das Mischgespann zog an und peu à peu kamen wir an Holzheim heran. Von hier aus
ging Andreas voraus nach Weiler a. Berge und besorgte wieder Vorspann. Franz
spannte seine Pferde ab und ritt nach Hause. Wir fuhren den Berg ab bis
halbwegs Weiler. Da stand schon der Vorspann (ein kapitalkräftiger Ochse vom
Vossemer Mathes). Den Ochsen vorgespannt, Lorenz sagte wieder „Jo, Hü!"
und einige Male gepaust und wie der Krewinkler Landsturm, immer langsam voran,
kamen wir auf der Höhe von Weiler an. „Jetz hammer et jemaht", säht
Lorenz. „Dat sähs Du jot," säht Schmitze Scheng, „mir könne jetz dä Ware
bös no Leissenich selevs trekke."

Das Lessenicher
Ehrenmal kurz nach seiner Einweihung im Jahre 1923.
Vossemer Mathes brachte seinen Ochsen rasch in den Stall und
sagte zu seiner Frau: ,,Klör, don ens jäng jet op dr Deisch, die Jonge han
Honger!" Es war gerade Samstag. Klör hatte frisch gebacken und jeder
kriegte ein großes Stück Birrefladem. Lorenz sagte wieder „Jo, Hü!" und
wir fuhren in einem Zuge bis bei mir auf den Hof. Es war gegen 12
Uhr nachts. Jetzt konnten wir sagen: „Nu hamer et jemaht!" Anderen Tags
war Sonntag. Der Gemeinderat kam zu einer Besprechung in der Schule zusammen.
Peter Kastert, welcher während der geschilderten Arbeit Freud und Leid mit uns
geteilt, machte die Herren mit meinem Vorhaben bekannt, bat sie, sich die
zusammengefahrenen Steine einmal anzusehen.
Mittlerweile
hatte ich die Zeichnung auf das Scheunentor gemacht. Der Gemeinderat kam, sah, und
staunte, und war besiegt. Drei Tage nach der Gemeinderatssitzung,
Tagesordnung:: Kriegerehrenmal! Herr Landesökonomierat Krewel hatte das Wort.
Es wurde diesmal nicht viel geredet. So was hatten die Herren sich nicht
vorgestellt. Es wurde mein Plan gutgeheißen. Nun wurde ich gefragt, ob ich das
Denkmal nicht auf dem Schlösserberg aufstellen wollte, unter der Bedingung, daß
die Gemeinde die Kosten zahlte. Ich war einverstanden mit der Bedingung, das
Denkmal nicht aus den Händen zu gehen, bis es fertig wäre. So wurden wir einig.
Nun besorgte ich Mauersteine für Sockel und Fundament aus dem Steinbruch
Iversheim. Diese Mauersteine, Sand, Kalk, Zement und Wasser wurden angefahren
von den Herren Hermann Mirgel, Lorenz Thümmer, Johann Veithen, Johann Wey und
Werner Meurer. Die Hauptsteine wurden wieder aufgeladen — es ging jetzt besser — und
auf den Berg gefahren. Hebezeug hatte uns diesmal in liebenswürdiger Weise der
Betriebsleiter der Steinfabrik aus Antweiler, Herr Arendt, zur Verfügung
gestellt.
Arendt selbst half beim
Aufstellen der Steine, und seine reichen Kenntnisse und seine unermüdliche
Kraft kamen uns wie gewünscht. Das Mauerwerk machte Meister Frantzen aus
Antweiler. Das Bild in den Mühlstein stiftete Hermann Graf Wolff-Metternich
aus Satzvey. Ein junger Bildhauer aus Köln, Lindenstr. 91, hatte es angefertigt.
Der Herr Graf war so freundlich, das Bild der schmerzhaften Mutter in Köln abzuholen
und dasselbe bis auf den Hügel zu bringen, wo es jetzt steht zum Andenken an
unsere gefallenen Helden, deren Namen der Steinmetz Simon aus Mechernich in den
Hauptstein eingemeißelt hat. Der Herr Graf brachte das Bild an meine Wohnung
mit seinem Auto, neben ihm saß Pater Franziskus aus dem Franziskanerkloster Euskirchen.
Rasch gesellte sich hierzu unser Herr Pastor Alois Schelauske und unser Herr
Lehrer Lehmacher, um das Bild zu sehen, — aber
das gibts nicht! Der Herr Graf lud die Herren zum Einsteigen ein und Huh Huh
wie die wilde Jagd, der Pater hält die Kapp fest, flitzen wir bis auf den
Denkmalshügel, der in seinem Leben noch kein Auto gesehen hatte. Hier wurde das
Bild ausgepackt und allseitig bewundert.
Ich dankte dem Herrn
Grafen für das schöne Bild und für das Überbringen. Der Graf brachte uns per
Auto wieder nach Hause. Maurer, Steine, Zement, Kalk, Steinmetz, Bildhauer
wurden bezahlt. Fuhrwerk usw. wurden nicht bezahlt. — Ich och net! — Kriegten
alle nichts — Jetzt fehlte dem Denkmal
noch die vorgelagerte Stufe. Wieder kommt Eiserfey. Da lag ein beim Abladen in
der Mitte durchgebrochener Schleifstein, so wie die oben von Bitburg mit der
Bahn herunterkommen. Derselbe war Eigentum der Gießerei Marienau bei Mechernich.
Um nicht nach Mechernich gehen zu müssen, ging ich nach Zievel, nahm Rücksprache
mit dem Herrn Ökonomierat, sein Sohn Karl, Artillerieoffizier während des
Krieges, sprach telefonisch mit dem Gießereibesitzer, Herrn Ullerich; das
Ergebnis war, Herr Ullerich schenkte den Stein. Herr Krewel stellte Pferd und
Wagen und mit Jakob Bünder, Peter Kastert fuhr ich noch selbigen Tages wieder
nach Eiserfey und abends 9 Uhr, — von den Franzosen festgesetzte Zeit —
war der Stein zu Hause. Nachdem auf dem Denkmalshügel alles geordnet war,
folgte am Sonntag, dem 3. Juni 1923
die feierliche Einweihung bei herrlichem Wetter. Der Himmel war mit uns verbunden.
Festleiter war Herr
Lehrer Lehmacher, und so brauchte man sich nicht wundern, daß alles klappte.
Gegen 3 Uhr nachmittags nahmen die
Teilnehmer an der Kirche Prozessionsaufstellung: Kinder, Frauen, Musikkapelle,
Gesangchor, Geistlichkeit, Gemeinderat und Kirchenvorstand, Alte Veteranen von 1870/71 — waren
nur noch die Herren Schneidermeister Johann Wiesen, Schustermeister Wilh.
Geusen und die beiden Landwirte Werner Meurer und Franz Meurer. Dann die Weltkriegsteilnehmer;
die beiden Junggesellenvereine von Lessenich und Rißdorf, die Männer und Frauen
der Gemeinde und Hunderte von Fremden. Die Musik spielte einen Trauermarsch,
das Volk betete.
Programm der Einweihungsfeier:
1. Kirchliche Einweihung durch Herrn Pfarrer Schelauske.
2. Kirchenchor,
Jungfrauen und Kinder (Wie sie so sanft ruhen).
3. Übergabe des
Denkmals durch mich.
4. Übernahme durch
Herrn Bürgermeister Eduard Zander.
5. Musik.
6. Gedicht von Lehrer
Egidius Wolfgarten, vorgetragen von Anna Wey, 13 Jahre alt.
7. Gedicht von Herrn
Max von Mallinckrodt, vorgetragen von Lisbeth Schmitz, 21 Jahre alt.
8. Gesang von den
Kindern (Wo findet die Seele . ..).
9. Rede von den
Kriegsteilnehmern (Werner Meurer jr.).
10. Rede
des Junggesellenvereins Lessenich (Heinrich Eßer, Lessenich).
11. Rede des Junggesellenvereins Rißdorf (Wilhelm
Zinken, Rißdorf).
12. Gemischter Chor (Da unten ist Frieden).
13. Festrede des obengenannten Pater Franziskus.
14. Gemischter Chor (Das walte Gott).
Dann spielte die Musik nach Hause. Hier versammelten sich
noch so viele Festteilnehmer, wie der Saal van Laak fassen konnte. Hier
benutzte Herr Ökonomierat die Gelegenheit, um eine zeitgemäße Ansprache an die
Jugend zu halten. Unter vielen anderen Festteilnehmern war auch mein Kollege
Nikolaus Mauel aus Eiserfey mit seinem Sohne, beide Kriegsteilnehmer. „Jong“,
säht Nicklos, ,,do häste en Denkmal us dene Steen jemaat, dat hätt ich net
jejloov, dat due dat feadichbraat hätts“ —
„On der Pater, watt konnt der kalle!" Alles hat ein Ende, auch unsere
Einweihungsfeier. Nun kommen noch die Stationssteine; die zwei ersten mit den
Löchern, die fand ich ca. 50
Minuten von der Stelle, wo sie jetzt stehen, in unserem Kiefernwald. Ein
Drittel des Blocks war sichtbar, übrigens lagen sie im Boden. Hier kamen uns
wieder die Hebezeuge gut zu paß. Herr Krewel stellte uns für den Transport
seine ausgezeichneten schweren kaltblütigen Pferde (Rheinische Zucht) gerne zur
Verfügung. Auch einen starken Wagen, damit brachten wir die Steine über die
schlechten Waldwege bis zu der Stelle, wo sie jetzt stehen. Die anderen
Stationssteine waren auf dem Hügel zu Hause, und die sich nicht fahren ließen,
sind bis zu ihrem Platz geschleift worden. Die Nischen, wo die Reliefs drin
stehen, hat ein 72
Jahre alter Mann, Josef Janes, mit zäher Ausdauer 10 cm tief in die
Eisensteine gehauen. Wer das kann — machs
nach! Die Leuchter machte Heinrich Janes. Die Bilder, (Reliefs) auch von Perger
aus Köln angefertigt, stifteten einige Leute, die hier nicht genannt sein
wollen.
Nun mein Wunsch, und ich glaube auch der Wunsch aller derer,
die an dem Denkmal geholfen haben:
„Möge unser liebes
deutsches Vaterland — diePflege des
Ehrenmals —, und die Dankbarkeit unseren
Helden gegenüber —, solange halten, bis
der letzte Stein auf dem Denkmalshügel vermodert ist.
Das
walte Gott! Euer Karl Josef Eschweiler
Nachwort
Dieser Text ist im Originalwortlaut der Bericht des Schmiedemeisters
Karl-Josef Eschweiler aus Lessenich über die Aufrichtung des Kriegerdenkmals
oben im Wald, die hauptsächlich auf seine Initiative zurückging. Nach
langjährigen Bemühungen um die Auffindung des als verschollen geltenden Textes
hatte ich Glück: Frau Änni Geusen geb. Bünder aus Lessenich brachte mir nach
einer zufälligen Unterhaltung über das Kriegerehrenmal die vergilbte Schrift,
die sie bei Familienpapieren gefunden hatte. Ihr sei an dieser Stelle besonders
gedankt: sie übergab mir den Bericht zu treuen Händen.
Ein Wort zu der Hauptfigur dieses Berichtes :
Karl-Josef Eschweiler wurde am 23. November
1857 in Lessenich, Kreis Euskirchen,
geboren. Er war verehelicht mit Maria Anna Esser aus Rißdorf. Seinen Sohn
Hubert, Theologiestudent in Bonn, verlor er während des ersten Weltkrieges in
Rußland. Dieses Unglück im Bereich der eigenen Familie inspirierte Eschweiler
wohl besonders zur Schaffung einer Kriegergedächtnisstätte in seinem
Heimatdorf.
Karl-Josef Eschweiler, als tüchtiger Meister des
Schmiedehandwerks weithin in hohem Ansehen, starb am 5. November 1933. Sein Bruder Josef lebte, ebenfalls als Schmiedemeister,
in Euskirchen; dessen Sohn und Nachfolger im Handwerk war Matthias Eschweiler
in der Münstereifeler Straße, der dort eine Werkstatt besaß. Als Wissenschaftler
bekannt war sein Bruder, der Theologieprofessor Dr. phil. Dr. theol. Karl Eschweiler,
erwähnt im Heimatkalender 1971, S. 144.
Daß die originelle Geschichte von der Entstehung des
Lessenicher Ehrenmals so, wie sie der Verfasser zu Papier gebracht hat, der
Nachwelt erhalten bleiben möge, ist der Sinn dieser Veröffentlichung.
Karl Wiesen