Siedlungsgeschichte

Siedlungsgeschichte
Lessenich

Liezniha war nicht der Anfang

Auf Urkunden der Trierer Abtei St. Maximin erstmals erwähnt

Von Klaus Krüger

Nimmt man die schriftlichen Belege als Kriterium, tritt Lessenich (Bild oben mit Burg Zievel), wenn auch in leicht anderen Namensformen, im Jahre 1023 durch zwei Urkunden der Trierer Abtei St. Maximin als Liezniha bzw. Lieznih erstmals in das Licht der Geschichte. Der Ort dürfte aber, wie wir später sehen werden, deutlich älter sein als diese recht zufällig irgendwo in der historischen Entwicklung einsetzenden schriftlichen Zeugnisse. Noch wesentlich weiter muß man zurückgehen, will man nicht nur die Ortsgeschichte im engeren Sinne, sondern die Geschichte der Besiedlung der Lessenicher Gemarkung rekonstruieren.

Natürlich sind die Gemarkungsgrenzen, innerhalb derer über viele Jahrhunderte bis zur ersten kommunalen Neugliederung im Jahre 1969 auch die Burg Zievel und seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts der Nachbarort Rißdorf lagen, für jene frühen Zeitabschnitte nicht relevant. Zudem werden die archäologischen Zeugnisse mit wachsendem Zeitabstand von der Gegenwart immer spärlicher und undeutlicher. Schon von daher ist es unumgänglich, den Blick des öfteren über den engen Betrachtungsraum hinaus zu lenken, Funde aus der näheren und gelegentlich auch weiteren Umgebung einzubeziehen und auf das Wissen über die allgemeine Siedlungsentwicklung im Bereich der Nordeifel und der Rheinlande zurückzugreifen. Selbst dann aber gilt, daß angesichts der archäologischen Quellenlage und der bislang begrenzten wissenschaftlichen Auswertung »Vollständigkeit und letzte Verbindlichkeit« nicht zu erreichen sind und daß wir uns nicht selten noch »auf dem glatten Parkett der Theorien-, Hypothesen- und Modellbildung bewegen«.
Nun existieren für Lessenich, Rißdorf und Burg Zievel bereits mehrere Ortsgeschichten, doch sind diese für die frühe Besiedlung des Lessenicher Raumes nur wenig aufschlußreich. Das hat verschiedene Gründe: Der Euskirchener Heimatforscher F. W. Noil arbeitete vor mehr als achtzig Jahren auf einer erheblich begrenzteren Quellenbasis; der in Lessenich tätige Lehrer J. Ophoves, dem manch ein Lessenicher sein Interesse an historischen Fragen verdankt, wollte Mitte der fünfziger Jahre kaum mehr als einen kurzen, allgemeinen Überblick bieten; und für Pfarrer H. J. Dahmen schließlich steht eindeutig die erst später einsetzende Kirchengeschichte im Vordergrund. Die beiden älteren Darstellungen sind heute überdies in etlichen Punkten überholt.

So soll denn der Versuch unternommen werden, die vorhandenen Spuren früher Besiedlung etwas genauer zu verfolgen, sie miteinander in Verbindung zu setzen und vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Forschungsstandes in einen größeren Rahmen einzuordnen.

Frühmenschliche Spuren

Die ältesten Nachweise über die Anwesenheit von Menschen in der Umgebung von Lessenich fand man in den nur rund 10 km entfernten Kartsteinhöhlen in Form von einfachen Steinwerkzeugen (Faustkeilen, Schabern und Spitzen) sowie Resten von Jagdbeute. Die Menschen, die ihre Spuren in den Höhlen zwischen Eiserfey und Weyer hinterlassen haben, waren Neandertaler; sie lebten im ersten, etwa von 70 000 bis 35 000 v. Chr. reichenden Teil der letzten Eiszeit, der kulturgeschichtlich der mittleren Altsteinzeit (Mittelpaläolithikum) entspricht, und bestritten ihren Lebensunterhalt als Jäger, Fischer und Sammler.

Das verbreitete Bild vom steinzeitlichen Höhlenmenschen, der auf Höhlen wie den Kartstein angewiesen war, ist allerdings vom wissenschaftlichen Standpunkt aus falsch. Denn Höhlen dienten keineswegs als Dauersiedlungen, sondern waren lediglich vorübergehende Wohn- und Aufenthaltsorte, von denen aus Jagd- und Sammelzüge unternommen wurden, solange sich das umliegende Gebiet als ergiebig erwies. Weitaus häufiger hielten sich die mittelpaläolithischen Jäger und Sammler im offenen Gelände auf, wo sie sich einen einfachen Wetterschutz oder ein Zelt aus Fellen, Ästen oder Zweigen verfertigten.

In der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithi-kum), die von etwa 35000 bis um 10000 v. Chr. währte, sind in den Kartsteinhöhlen bereits Menschen unserer Art nachgewiesen. Wiederum beweisen nämlich Werkzeugfunde, die als Ausdruck verfeinerter Technik auch bearbeitete Knochen einschließen, die vorübergehende Anwesenheit von Menschen im Nahbereich Lessenichs zu kurzen Jagdaufenthalten. Etwas länger und wiederholt bewohnt wurde in dieser Zeit eine Freilandsiedlung, die — in rund 18 km Entfernung — bei Lommersum ausgegraben und näher untersucht worden ist. Vom letzten Abschnitt der Altsteinzeit (Endpaläolithikum), der von etwa 10 000 bis zum Ende der letzten Eiszeit um 8 000 v. Chr. reichte, wurden erneut Zeugnisse steinzeitmenschlicher Tätigkeit in den Kartsteinhöhlen entdeckt, aber auch an den nur 2,5 km westlich von Lessenich gelegenen Katzensteinen fand man Werkzeuge aus dieser Epoche. Ausgrabungen im Jahre 1971 erbrachten den Beweis, daß Menschen hier vor rund 10 000 Jahren Feuerstein und den Halbedelstein Chaicedon zu Spitzen und Messern verarbeiteten und mithin unter den Felsüberhängen der Katzensteine nicht nur gerastet, sondern länger verweilt haben.

Die von ca. 8 000 — 4 500 v. Chr. dauernde Mittelsteinzeit (Mesolithikum) hat in der nördlichen Eitel und dem Eifelvorland sichere Spuren nur bei Schönau und am Michelsberg hinterlassen.

Erste Bauern als Siedler

Vom vorderen Orient breitete sich über den Balkan bis nach Mitteleuropa langsam eine neue Wirtschafts- und Lebensweise aus, die um die Mitte des 5. Jahrtausends mit der Kultur der sogenannten Bandkeramik das Rheinland erreichte. Die Epoche der Bandkeramik — so benannt nach den bandartigen Verzierungen auf Tongefäßen — bildet den Anfang der jung-

steinzeitlichen Entwicklung unseres Raumes. Die Jungsteinzeit (Neolithikum) brachte gegenüber den vorangegangenen Entwicklungsstufen einen enormen kulturellen Umbruch, denn zum erstenmal haben wir es mit Menschen zu tun, die Ackerbau und Viehzucht betrieben, dadurch bedingt seßhaft wurden und in Häusern lebten. Die tierische und pflanzliche Nahrung wurde jetzt in von Hand geformten und in Feuer gebrannten Tongeräten zubereitet und aufbewahrt, aber auch die noch benutzten Steingeräte waren gegenüber früher verbessert. Das Ackerland wurde durch Brandrodung gewonnen, indem die Bauern Sträucher und Wald auf der für die Rodung vorgesehenen Fläche abbrannten.

Die Menschen wohnten in großen Fachwerkhäusern, in denen auch Vieh und Vorräte untergebracht wurden. Die Häuser gruppierten sich zu weilerartigen Siedlungen, die in der Regel aus drei bis höchstens zehn Häusern bestanden.

Ohne Bedenken kann man die neolithischen Zivilisationen im Vergleich zu denen der Alt-und Mittelsteinzeit als den Beginn der bäuerlichen Lebensweise ansehen. Die Jungsteinzeit ist in unserem Gebiet gut belegt. Aus diesem Zeitabschnitt stammt auch die erste direkt faßbare Spur menschlicher Anwesenheit in der Gemarkung Lessenich. Es handelt sich um ein Anfang der fünfziger Jahre von dem Schüler Hubertus Eschweiler auf einem Acker am Dorfrand aufgelesenes Beil aus Felsgestein. Als weitere Zeugnisse jungsteinzeitlicher Besiedlung in der näheren Umgebung sind u. a. ein in der Gemarkung Iversheim entdecktes Steinbeil, eine Felsgesteinaxt aus der Arloffer Flur und schließlich noch eine gut erhaltene steinerne Mahlwanne aus der Nachbarflur Satzvey zu erwähnen.

Nur 600 m von der Fundstelle des Lessenicher Steinbeiles entfernt, aber schon in der Antweiler Gemarkung, entdeckte man ein Bruchstück eines weiteren Felsgesteinbeiles, das allerdings nicht eindeutig der jüngeren Steinzeit zugeordnet werden kann, sondern auch der vorangehenden Zeitepoche, der mittleren Steinzeit, entstammen könnte.

Wohlgemerkt: Die Funde belegen nicht, daß in der Jungsteinzeit im Lessenicher Bereich oder in der näheren Umgebung eine Siedlung bestanden hat, sondern deuten lediglich darauf hin, daß sich Menschen in dieser Zeit dort aufgehalten haben. Selbst wenn man — wie etwa bei Lommersum und Roitzheim — Spuren einer Siedlung nachweisen könnte, hieße dies selbstverständlich nicht, daß eine direkte Verbindung zum heutigen Ort bestünde.

Funde aus der Eisenzeit

Die in unserem Raum etwa um 1 800 v. Chr. beginnende ältere Bronzezeit, in der die Menschen erstmals Bronze als Werkstoff benutzten, hat in unserer Gegend nur wenige Spuren hinterlassen. Erst von einer neuen Zivilisation, die sich in der jüngeren Bronzezeit — ab Mitte des 13. Jhs. — ausbreitete, fand man deutliche Siedlungsspuren, vornehmlich an verschiedenen Stellen im Erfttal, also durchweg in Bereichen mit besonders fruchtbaren Ackerböden. Die veränderte Form der Totenbeisetzung war Anlaß dafür, diesen bis um 750 v. Chr. reichenden Zeitabschnitt auch als Urnenfelderzeit zu bezeichnen.

Obwohl schon in der jüngeren Bronzezeit in Mitteleuropa der Gebrauch von Eisen bekannt

war, dauerte es noch Jahrhunderte, bis sich dieser härtere, aber auch schwieriger zu bearbeitende Werkstoff in unserem Gebiet gegen die Bronze durchsetzte, womit dann eine neue Epoche, die Eisenzeit, begann. Sie wird in zwei Abschnitte eingeteilt. Die ältere Eisenzeit oder auch Hallstattzeit (nach einem Fundort in Österreich) dauerte von etwa 750 bis 450 v. Chr. Die folgende jüngere Eisenzeit oder auch Latenezeit, die ihren Namen einem Schweizer Fundort verdankt, reichte bis um Christi Geburt.

Es ist erstaunlich, daß aus beiden Perioden bis zur späten Eisenzeit aus der Nordeifel und dem Eifelvorland insgesamt nur wenige Funde vorliegen. Dies spiegelt einen bis jetzt nicht erklärbaren Siedlungsrückgang wider, ganz im Gegensatz zur Entwicklung in südlichen Teilen der Eitel (Neuwieder Becken, Trierer Gegend), wo eine Bevölkerungszunahme zu verzeichnen war. Allerdings gibt es gerade aus der Umgebung von Lessenich interessante Funde; denn die 3 km östlich des Ortes an der Landstraße von Antweiler nach Kalkar gelegene Grube Toni lieferte im Laufe vieler Jahre bis zur kürzlichen Stillegung des Grubenbetriebs immer wieder neue Relikte vergangener Zeiten, zwar vor allem aus der römischen Zeit, aber auch wichtige Fundstücke aus der älteren und jüngeren Eisenzeit. Darunter befand sich ein weitgehend erhaltenes hölzernes Scheibenrad eines Holzkarrens von 0.75 m Durchmesser aus der Spätphase der älteren oder dem Anfang der jüngeren Eisenzeit, welches im Landesmuseum ausgestellt ist und von daher manchem Leser bekannt sein dürfte. Dieses Rad besteht aus mehreren geschnitzten Teilen, die durch Zapfen und Querstreben zusammengehalten werden. Räder dieser primitiven Art saßen an Wagen, die zum Transport von Lasten dienten. Der Fund ist von überörtlicher Bedeutung, da er einer der ältesten Belege für die Benutzung von Pferd und Wagen im Rheinland ist. Das unter unserem Gesichtspunkt wichtigste Ergebnis der Ausgrabungen: Im Bereich der Grube Toni bestand schon in vorrömischer Zeit, und zwar vom 6./5. bis ins 1. Jhr. v. Chr., eine bedeutende Siedlung, deren wirtschaftliche Grundlage Eisenverhüttung in sogenannten Rennöfen — kleinen, aus Lehm gebauten hochofenähnlichen Schmelzanlagen — war.Als weitere eisenzeitliche Siedlungsspuren waren Grabgefäße aus Urnengräbern schon früher in der nur etwa 1 km von der Grube Toni entfernten Kiesgrube Dederichs am südlichen Rand von Kalkar entdeckt worden.

Schließlich ist noch aus der Spätphase der jüngeren Eisenzeit, in der im gesamten Bereich Nordeifel und Eifelvorland die Bevölkerung wieder zugenommen hatte, der Fund von Scherben im Flurbezirk »Schwarzwasser« — Gemarkung Weiler am Berge — zu nennen.In den gleichen Zeitabschnitt wird übrigens auch die Ringanlage »Alter Burgberg« bei Kreuzweingarten datiert.

Das Siedlungsbild der jüngeren Eisenzeit war von recht unterschiedlicher Form. Außer befestigten Höhensiedlungen gab es Dörfer und kleine Hofgruppen, aber auch schon Einzelhöfe.

Umstritten ist die Frage der ethnischen Herkunft und Zusammensetzung der eisenzeitlichen Bevölkerung in unserem Raum, jener Bevölkerung, auf die die Römer bei der Eroberung der Rheinlande trafen. Gehörte der hier ansässige Stamm der Eburonen kulturell und ethnisch zu den Germanen oder zu den Kelten, oder ist er als kelto-germanisch anzusehen? Eine abschließende Anwort auf diese Fragen kann uns die Wissenschaft zur Zeit noch nicht geben. Es scheint sich aber die Ansicht durchzusetzen, daß es sich um eine kelto-germanische Mischbevölkerung handelte, die allerdings — und das wäre dann wohl kaum strittig — von der keltischen Zivilisation stark beeinflußt war.

Die römische Landnahme

Mit der jüngeren Eisenzeit ging um die Zeitenwende auch die Urgeschichte zu Ende. Die »Römische Zeit« begann für die im linksrheinischen Gebiet lebenden Menschen mit Krieg, Not und Leid. Acht Jahre dauerten die Kämpfe, bis die Römer unter der Führung des berühmten Feldherren Julius Cäsar Gallien und das Land links des Rheines erobert hatten. Im Jahre 53 v. Chr. hatten sich die Eburonen als Mitglied einer gallischen Stämmekoalition gegen die römischen Truppen erhoben. Erbitterte Kämpfe spielten sich in der Kölner Bucht und in der Eitel ab, die mit der Niederlage der Eburonen und, nach Cäsars Darstellung, der vollständigen Ausrottung dieses Stammes endeten. Das Land wurde gebrandschatzt, und die Einwohner sollen, soweit sie nicht flüchten konnten, in die Sklaverei verkauft worden sein.

Die Wiederbesiedlung des stark entvölkerten Gebietes erfolgte vor allem in den letzten Jahrzehnten vor der Zeitenwende vom rechten Rheinufer aus durch zwischen Sieg und Lahn lebende germanische Ubier. Die römische Erschließung erfaßte verhältnismäßig schnell auch die Voreifel und die Eifel, was nicht zuletzt auf das gut ausgebaute Fernstraßennetz zurückzuführen war, das diese Gebiete mit den Zentren Köln und Trier verband.

Die Eingliederung des linksrheinischen Raumes in das römische Weltreich führte zu wesentlichen Veränderungen in der ländlichen Struktur. Während die einheimische Bevölkerung, die in kleinen, mit Schilf oder Stroh gedeckten Fachwerkhäusern lebte, bis dahin ihre Erzeugnisse fast ausschließlich für den Eigenbedarf produzierte, mußten jetzt auch Militär und Stadtbewohner mit Getreide, Milch, Fleisch und anderen Lebensmitteln versorgt werden. Dazu wurden unterschiedlich große, einzeln liegende Siedlungen angelegt, die vil-lae rusticae. In der Kolonisationsphase sind die Hofanlagen fast nur aus Holz (in Fachwerktechnik) erbaut worden. Vom 2. Jh. an war aber auf dem Lande der »Risalittypus«, wie er in der Architekturgeschichte genannt wird, eine häufige Bauform der Wohnhäuser größerer landwirtschaftlicher Betriebe, vor allem der Gutshöfe. Dieser einfache Architekturtyp war außer im Rheinland noch besonders stark im mittleren und nördlichen Gallien verbreitet. Über seine Herkunft besteht bis heute keine Klarheit. Auf diese aus Natursteinen oder gebrannten Ziegeln errichteten Gebäude wird noch eingegangen. Neben den Steinbauten wurden aber von der einheimischen ländlichen Bevölkerung weiterhin noch viele Bauten aus Holz verfertigt, die allerdings, wie die Gebäude aus Stein, in der Regel mit Dachziegeln gedeckt waren.

Die ländliche Siedlungsform war schließlich nicht mehr das Dort, sondern mehr und mehr die Einzelsiedlung. Diese Streulage hatte vor allem den Vorteil, daß sie die Wegstrecken der Bauern zu ihren Feldern, Wiesen und Wäldern minimierte. Dies sparte Kräfte und dürfte in den kritischen Zeiten der Ernte oft ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Ertrag eines Anbaujahres gewesen sein.

Die Römer am Kühlbach

Die vielen, nur 1-2 km voneinander entfernten Siedlungsstellen, mit denen das Gebiet um Lessenich und darüber hinaus die ganze Antweiler Senke überzogen war, lassen auf eine dichte Besiedlung in der Römerzeit schließen. Die Lage der einzelnen Siedlungen läßt sich auf manchem Acker leicht feststellen: Bruchstücke von Dachziegeln und Ziegelplatten, Steine, an denen oft noch der Mörtel haftet, sowie Keramikscherben sind untrügliche Kennzeichen. Hin und wieder deuten aber auch nur noch einzelne Tonziegelsplitter, Veränderungen im Gelände und sonderbare Farbkontraste im Acker auf römische Gebäude hin. Wird eine Trümmerstelle als Wiese oder Weide benutzt oder ist sie gar mit Wald bedeckt, so ist der ehemalige Siedlungsplatz meist kaum noch ausfindig zu machen.

Aus dem Ort Lessenich selbst ist allerdings nur ein Einzelfund bekannt. Dort kam bei Ausschachtungsarbeiten im Pastoratsweg eine leere »Aschenkiste« aus Sandstein zum Vorschein. Dieser Fund alleine reicht jedoch nicht aus, um eine im jetzigen Ortsbereich gelegene römische Siedlung annehmen zu können.

Eine der beiden dem Ort am nächsten gelegenen Trümmerstellen trifft man nur rund 600 m südöstlich der Kirche in der Flur »Auf dem Kiel« an. Sie beginnt schon rund 400 m vom Ortsrand entfernt in der Nähe der heutigen Landstraße nach Rißdorf. Dachziegelreste und Mauerbruchstücke, aber auch Keramikscherben finden sich weit gestreut über eine große Fläche. Unter den Scherben, die aus dem 1. und 2. Jh. stammen, befindet sich auch Terra Sigillata des 1. Jhs. Die genaue Begrenzung der Siedlung ist nicht bekannt. Doch war es damals üblich, die Wohnhäuser der Gutsbetriebe wie auch der kleineren Landwirte in halber Höhe an Hängen parallel zum Tal zu errichten. Daher ist anzunehmen, daß dieses Gebäude im Hang zum Kühlbachtal unweit der Landstraße gestanden hat. Hierfür spricht auch ein weiterer Fund: Auf dieser Fläche wurden an einer sumpfigen Stelle behauene Sandsteine zutage gefördert. Unterhalb davon entdeckte große, mit Kammstrichmustern versehene Ziegelplatten deuten Fachleute als Reste einer Quellfassung. Eine solche hat möglicherweise auch im angrenzenden Bereich des Kühlbachtals bestanden. Als dort Ende der sechziger Jahre in der Nähe eines Quellgebietes Fischteiche ausgehoben wurden, sind neben römischen Ziegelplatten Fundamentreste zerstört worden, die bis in etwa 2 m Tiefe sichtbar waren. Es könnte sich hierbei aber auch um Spuren eines Aquädukts gehandelt haben, da in diesem Bereich der Römerkanal das Kühlbachtal überquerte. Sichere Aussagen können jedoch nicht gemacht werden, da keine klärende archäologische Untersuchung stattgefunden hat. Die bisherigen Bodenfunde im Gebiet der ehemaligen Hofanlage belegen, daß diese bereits im 1. Jh. n. Chr. vorhanden war und nicht erst zu Anfang des 2. Jhs. entstanden ist, als die Besiedlung der Voreifel in Form von Einzelhöfen in größerem Umfange erfolgte. Wie lange der Hof bestanden hat und wie groß er war, ist mangels archäologischer Grabungen nicht bekannt.

Die zweite Fläche mit römischen Bauspuren in Ortsnähe findet man ebenfalls nur 600 m von der Kirche entfernt, und zwar nordöstlich der Sportanlage. Auch diese Siedlungsstelle liegt in nur geringer Entfernung zur römischen Eifel-‘ Wasserleitung nach Köln. Weitere Hinweise auf römische Besiedlung gibt es 200 m südlich von Rißdorf und im Flurbezirk Schwarzwasser, ungefähr 1 km südwestlich des Ortes. 1913 wurden auf einer Waldparzelle (jetzt Weide) etwa 750 m südöstlich von Rißdorf römische Mauern und Ziegel freigelegt. An der gleichen Stelle fand man im Jahre 1935 mehrere Steinsärge, von denen angeblich einer damals am Kriegerehrenmal in Wachendorf aufgestellt wurde. Gesicherte Angaben über Fundumstände, Inhalt (wie etwaige Beigaben) und Verbleib der Särge sind aber nicht vorhanden. Dabei wären in diesem. Falle genauere Anhaltspunkte über die direkt an der Römerstraße Dottel-Gut Wachendorf gelegene Anlage besonders interessant gewesen, da nur 100 m entfernt auch fränkische Grabstellen entdeckt worden sind. Aber auch von den anderen vorgenannten Fundstellen ist jnjcht eine näher untersucht worden.

Der ehemalige römische Gutshof

Mehr wissen wir über eine andere Fundstelle innerhalb der Lessenicher Gemarkung, die allerdings inzwischen dem Tonabbau zum Opfer gefallen ist. Schon im Jahre 1867 berichtete C. A. Eick in seiner Abhandlung über »Die rö-Jnische Wasserleitung aus der Eifel nach Köln« von einer »bedeutenden römischen Niederlassung in der Nähe des Hauses Zie-vel«, deren ausgedehnte Grundmauern am Rande des Billiger Waldes zum Vorschein gekommen seien. Einer der »vielen und großen« Räume soll mit einer Heizungsanlage ausgestattet gewesen sein. Anfang dieses Jhs. wies F. W. Noil auf Reste eines römischen Gebäudes östlich von Zievel hin, die nach seinen Angaben bereits in den vierziger Jahren des 19. Jhs. entdeckt und untersucht worden waren. Damals war man nach Noil unter einer ^Trümmerschicht auf die Grundmauern einer l römischen Villa sowie ein Pfeilerfundament mit Bädern und einer Wasserleitung gestoßen. Und schließlich erwähnt J. Pesch um die gleiche Zeit in seinem Wanderbuch »Die Vorderei-fel« ebenfalls eine große römische Villa mit Hypokausten (antike Unterboden-Heizungsanlagen) nordöstlich von Zievel.

Weitere Informationen über die Siedlungsstelle verdanken wir zwei in den Jahren 1933 und 1948 in den Bonner Jahrbüchern veröffentlichten Berichten. Obwohl die Lagebeschreibungen geringfügig voneinander abweichen, besteht dennoch kein Zweifel, daß auch diese Angaben den von Eick, Noil und Pesch beschriebenen Gebäudekomplex betreffen. Nach den Mitteilungen von 1933 entdeckte man 350 m südöstlich der Burg Zievel am Hang eines nach Südwesten abfallenden Hügels, in dessen Nähe der von Lessenich kommende Kühlbach vorbeifließt, Baureste, die auf einen ehemaligen Gutshof an dieser Stelle schließen ließen. Auf dieser als Weide benutzten Fläche waren vorher schon Dachziegel, runde Hypo-kaustenziegel, eine Säulenbasis und ein Gesimsstück gefunden worden. Etwa 120 m südlich der Fundstelle, nahe am Fuß des Hügels, wurde bei der Anlage einer Tongrube nach dem gleichen Bericht durch einen Bagger eine würfelförmige Sandsteinkiste gehoben und dabei zertrümmert. Vom Inhalt blieben u. a. noch kleine Bruchstücke einer Urne erhalten. Der Fund dürfte aus dem ersten oder zweiten Jh.

stammen, da im 3. Jh. bereits die Körperbestattung an die Stelle der vorherigen Brandbestattung getreten war.

Beim Abbaggern des Grubengeländes stieß man nach der Darstellung von 1948 etwa 500 m südöstlich von Zievel auf die Reste mehrerer römischer Gebäude, die sich auf eine größere Fläche verteilten. Sie waren teilweise mit Estrichböden ausgestattet. Außer einem Kanal aus Steinplatten waren noch ein Keller mit sechs steinernen Treppenstufen, Türgewände und Schwellen erhalten. Besondere Erwähnung verdient der Fund eines großen Steinkapitells.

Es besteht somit kein Zweifel daran, daß, wie Noil und Pesch bereits annahmen, die Anlage eine typische »villa rustica« gewesen ist. Und obwohl keine umfassende Grabung stattgefunden hat, lassen sich die wesentlichen Züge ihres Aufbaus ohne Schwierigkeiten beschreiben, da »Typ« und Ergebnisse von anderswo übertragbar sind. Wie also sah eine villa rustica aus?

Die häufigste Bauform war die der »Risalitvilla«, von der schon die Rede war. Sie war ein im ganzen quergelagerter rechteckiger Bau mit seitlich vorspringenden, niedrigeren Anbauten. Zwischen diesen befand sich ein nach vorne offener Säulengang, von dem flache Treppen herunterführten. In den meisten Bauern- und Gutshöfen, die ausgegraben wurden, lag das Wohnhaus des Landwirts und seiner Familie so, daß man von dort aus den ganzen Wirtschaftshof übersehen konnte. Im Wirtschaftsteil standen Ställe, Speicher, Geräteschuppen und handwerkliche Bauten, vor allem für die Holzbearbeitung und die Schmiede. Bei großen Gütern konnte die Hofanlage eine Länge von 100 m überschreiten. Sie war mit einer Mauer oder einem Zaun umgeben. Außerhalb der Hofmauer bzw. des Zaunes lagen die Gräber der Besitzer oder Pächter und ihrer Angehörigen sowie des Dienstpersonals.

Die Gebäude waren aus Natur- oder Ziegelsteinen gebaut, die durch Traßmörtel verbunden waren, die Dächer mit roten Ziegeln gedeckt und die Fenster verglast. Viel Sorgfalt galt den Fundamenten; bei ihnen wurde ein wasserfester Beton verwendet, der gegen das Aufsteigen von Feuchtigkeit schützte.

Die Wände waren verputzt und innen oft mit bunten Wandmalereien verziert, der Boden in einigen Fällen mit Mosaiken geschmückt. Die Römer statteten die Wohnräume mit einer auch nach heutigen Maßstäben gut funktionierenden Warmluftheizung aus, bei der von einer zentralen Feuerstelle aus Heißluft unter dem auf kleinen Ziegelpfeilern ruhenden Fußboden hindurchstrich. Häufig waren die Wände aus Hohlziegeln aufgebaut, in denen die Warmluft emporstieg, so daß neben dem Unterboden auch noch die Wände erwärmt wurden. Zur Inneneinrichtung der Landhäuser gehörte auch ein Bad, und Kellerräume zählten ohnehin zu den Selbstverständlichkeiten. Manche Gutshöfe wurden durch eine kleine Wasserleitung mit Wasser aus einer nahegelegenen Quelle versorgt, bei anderen waren Brunnen in Betrieb. Die Zieveler villa rustica hat sicherlich diesem Grundmuster entsprochen. Doch weisen das in den Trümmern zum Vorschein gekommene große Steinkapitell auf eine besonders prachtvolle Ausstattung des herrschaftlichen Wohngebäudes und der ausgedehnte Gebäudekomplex auf eine überdurchschnittliche Größe der Hofanlage hin. Neben der durch ihre kostbaren Bodenmosaike weit bekannten römischen Villa in Kreuzweingarten gilt sie deshalb als eine der bedeutsamsten Anlagen dieser Art im Euskirchener Raum.

Dies wirft die Frage auf, ob es sich tatsächlich nur um einen landwirtschaftlichen Betrieb gehandelt hat oder ob seine Größe nicht ein Hinweis auf angeschlossene andere Funktionen, wie etwa die Gewinnung der im »Antweiler Graben« zutage tretenden hochwertigen tertiären Tone, sein könnte. Leider ist diese Frage wegen der zu geringen Erforschung der früheren Anlage nicht sicher zu beantworten. Jedoch waren tertiäre Tone, wie sie bei Zievel vorkommen, damals schon als Rohmaterial, und zwar für Keramik und als Binde- und Füllmittel beim Bauen, sehr gefragt. Deshalb ist es durchaus wahrscheinlich, daß die Römer die dortigen Vorkommen genutzt haben. In seinem Beitrag »Die römische Villa von Kreuzweingarten« hat W. Piepers übrigens auch die dort vorhandenen Bodenschätze als Quelle für den Wohlstand des Kreuzweingartener Villenbesitzers in Erwägung gezogen. Für den Biankenheimer Gutshof läßt sich eine solche Doppelfunktion — in diesem Falle Landwirtschaft und Eisenverhüttung — anhand von Bodenfunden sogar konkret nachweisen.

Genaue Angaben über die Entstehungszeit des Zieveler Gutshofes sind nach den uns heute vorliegenden Unterlagen nicht möglich. Da jedoch in unserem Gebiet die dichte Besiedlung mit Einzelhofsiedlungen in Steinbauweise erst zu Anfang des 2. Jhs. n. Chr. begonnen hat, wird dies ungefähr der Zeitpunkt sein, in dem die Anlage — wie übrigens auch die meisten anderen Siedlungen im Lessenicher Raum — errichtet wurde.

Matronenaltäre und ihre Stifter

Unser Wissen über die Menschen, die in den römischen Gutshöfen lebten oder auch als mittlere oder kleine freie Bauern allein oder mit nur wenigen Angehörigen das Land bestellten, ist sehr bruchstückhaft. Von einigen der während der Römerzeit im Lessenicher Bereich Tätigen sind uns jedoch zumindest die Namen bekannt:

Marcus Antonius Masuetus, Lucius Cavonius Victor und Gaius Julius Secundus. Sie nämlich sind die Stifter von drei Matronensteinen aus Sandstein, die man 1908 südlich des Ortes Lessenich auf der höchsten Erhebung zwischen Lessenich und Rißdorf fand. Vermutlich bestehen diese Steine aus Material, das im nahegelegenen römischen Steinbruch in den Buntsandsteinfelsen der Katzensteine gebrochen wurde.

Die lateinisch gebildeten Namen der Stifter verraten uns, daß es sich bei ihnen entweder um Römer oder um Ubier, die das römische Bürgerrecht besaßen, gehandelt hat. Den vollständig erhaltenen Inschriften entnehmen wir außerdem, daß alle drei Altäre den Matronae Vacallinehae geweiht waren.

Matronen sind einheimische Mutter- und Schutzgöttinnen, von denen sich die bäuerliche Bevölkerung den Segen des Hauses und die Fruchtbarkeit der Felder sowie Gesundheit und Heilung erbat. Sie wurden vor allem in der von den Ubiern bewohnten Rheinzone verehrt und oft als Dreiheit in einheimischer Tracht dargestellt. Die Römer waren tolerant und beließen nicht nur der hiesigen Bevölkerung ihren Glauben, vielmehr wurden viele Römer selbst zu Verehrern der Matronen. Man glaubt heute mit ziemlicher Sicherheit annehmen zu können, daß sich die Beinamen (in unserem Fallle »Vacallinehae«) auf einheimische Großfamilien, Sippen und Kleinstämme beziehen. Da die Matronae Vacallinehae außer in Lessenich auch noch in anderen Orten verehrt wurden, nämlich in den unmittelbar benachbarten Orten Satz-vey, Antweiler und Wachendorf, aber auch in Iversheim, in der Tempelanlage von Pesch und in Bonn-Endenich, ist zu vermuten, daß sie die

Schutzpatroninnen eines Kleinstammes gewesen sind, für den der Name »Vacalli« erschlossen werden kann.

Das Ende der römischen Epoche

Ein neuer Abschnitt in der Siedlungsgeschichte begann, als die Franken Mitte des 5. Jhs. mit Köln die letzte Stellung der Römer am Rhein eroberten und damit die auch für den Lessenicher Bereich zuständige römische Militär- und Zivilverwaltung beendet war. Wer aber waren die Franken eigentlich, und wo kamen sie her? Römische Schriftsteller haben seit dem 3. Jh. n. Chr. erstmals westgermanische Volksstämme als Franken bezeichnet. Die Franken siedelten ursprünglich östlich des Niederrheins und nahmen andere, vorher selbständige Stämme in sich auf. Seit etwa 250 n. Chr. drangen sie in fortwährenden Vorstößen in das Gebiet der benachbarten Römer ein. Ihre meist den Fernstraßen folgenden Raubzüge hatten verheerende Folgen für die betroffenen Landstriche. Den Römern gelang es zwar letztlich immer wieder, die fränkischen Angreifer über den Rhein zurückzuwerfen, aber sie waren gezwungen, in verstärktem Maße Franken als Soldaten anzuwerben. Im 3. und 4. Jh. lebten bereits Franken auf beiden Seiten des Rheins, und nicht selten kämpften Franken mit den Römern gegen ihre Stammesverwandten aus dem rechtsrheinischen Germanien. Im späten 4. Jh. konnte für kurze Zeit auch das ständige Einsickern fränkischer Bevölkerungsteile unterbunden werden, indem nicht nur unmittelbar an der Rheingrenze, sondern auch im Hinterland Franken im römischen Dienst angesiedelt wurden. In dieser Zeit war im Bereich der dem Leser schon bekannten Tongrube Toni sogar eine römische Straßenwache zum Schutz der Fernstraße Marmagen-Wesseling sehr wahrscheinlich mit fränkischen Kriegern besetzt.So gelang es den Römern durch eine geschickte Politik, ihre Herrschaft von den ersten schweren Einfällen der Franken an noch fast 200 Jahre aufrechtzuerhalten.

Die Lage änderte sich aber gänzlich im 5. Jh. nach dem völligen Abzug des römischen Heeres. In großer Zahl überschwemmten jetzt fränkische Siedler ungehindert das Land. Sie errichteten ihre Höfe ohne Rücksicht auf die ländlichen Siedlungen aus römischer Zeit. Auch die Hofanlagen, welche die Raubzüge der Franken während der letzten 150 Jahre überstanden hatten, verfielen oder wurden zerstört. Die Entdeckung eines »christlichen Grabes aus spätrömischer Zeit« beim Bau der Euskirchener Kreisbahn im Jahre 1894 nicht weit von Burg Zievel zeigt, daß der dortige Gutshof verhältnismäßig lange bestanden hat, doch wird er, wie auch die letzten anderen Bauernhöfe in der Umgebung von Lessenich, spätestens um das Jahr 400 n. Chr. aufgegeben worden sein; denn bisher konnte in der Zülpicher Börde und der südlich anschließenden Nordeifel auf dem Lande in keinem Fall ein Fortbestehen romanischer Siedlungen über den Anfang des 5. Jhs. hinaus nachgewiesen werden. Eine Ausnahme machte nur die städtische Siedlung Zülpich, die kontinuierlich in der nachfolgenden fränkischen Zeit weiterbestand.

Die Franken besiedeln das Land

Die Verödung der römischen Siedlungen dürfte vor allem in engem Zusammenhang mit der veränderten Wirtschaftsweise, die die Franken ins Land brachten, gestanden haben. Für sie hatte nämlich in der Zeit der Landnahme die Viehzucht Vorrang. Ackerbau wurde zwar auch betrieben, doch gewann er erst später, mit wachsender Seßhaftigkeit, an Bedeutung. Es ist von daher nicht verwunderlich, daß sich die Franken zunächst vorwiegend in Talauen bei Wasserläufen ansiedelten, die für die Viehhaltung unbedingt notwendig waren. Sie erbauten ihre Höfe in der sogenannten »Pfahlbauweise«, die ihnen vertraut war. Diese Bauweise mit Holzgerüst und lehmbeworfenen Flechtwerkwänden ist für die Bauernhäuser unseres Raumes bis in die jüngere Zeit prägend gewesen.

Das fränkische Haus war ein Wohnstallhaus, um das sich weitere Wirtschaftsgebäude — u. a. zur Aufbewahrung des Getreides — gruppierten. All dies reflektiert eine einfache Wirtschaftsweise, bei der der Bewohner zugleich der Besitzer war, der mit seiner Familie Viehzucht und — anfangs einen allerdings bescheidenen — Ackerbau betrieb.

Die Höfe gliederten sich zu einem Siedlerverband; sie konnten verstreut als Einzelhöfe oder auch zu kleinen Weilern zusammengeschlossen liegen. Haus, Vieh, Weide- und Ackerland waren persönliches Eigentum, während der Wald der gemeinsamen Nutzung unterlag (Viehtrift, Holzschlag).

Die großen Veränderungen im 5. Jh. hatten einen Rückgang der Siedlungsdichte und der Bevölkerungszahl zur Folge. Erst im 7. Jh., als das Gebiet um Euskirchen mit seinen überwiegend leichter zu bearbeitenden Böden landwirtschaftlich erschlossen war, nahm im nordöstlichen Eifelvorland die Dichte der Besiedlung erheblich zu. In dieser Zeit werden viele seit der Römerzeit mit Wald und Heide bedeckten einstigen Ackerflächen wieder erschlossen worden sein.

Fränkische Grabstellen

Auch im Gebiet um Lessenich finden wir aus fränkischer Zeit Belege für eine Besiedlung, obwohl sie insgesamt schwieriger als die römische zu fassen ist. Abgesehen von den Ortsnamen, auf die später noch einzugehen ist, sind wir für die früheren Abschnitte ausschließlich auf Grabfunde angewiesen, so auch in Lessenich selbst. Im Januar 1984 entdeckte der Landwirt Christian Kreutzwald bei der Feldarbeit nur 170 m nordwestlich der letzten Häuser der jetzigen Stephanusstraße in einem leicht abfallenden Hang einen fränkischen Bestattungsplatz. Ein sogenanntes Steinplattengrab enthielt als Beigabe ein vollständig erhaltenes Gefäß aus blaßbraunem Ton, das durch Vergleich mit ähnlichen Gefäßen in die Zeit vom Ende des 7. bis in die ersten Jahrzehnte des 8. Jhs. datiert werden konnte. Es war u. a. mit dem Bruchstück eines römischen Weihesteines für die Matronae Vacallinehae abgedeckt. Dies braucht nicht zu erstaunen, denn die Franken verwendeten oft Reste römischer Denkmäler bei der Errichtung ihrer Plattengräber. Zwar erfolgte am häufigsten die Bestattung der Toten in Holzsärgen oder auf Totenbrettern, daneben gab es aber auch Trockenmauergräber und — besonders oft in der Eitel und der Voreifel — solche sarkophagartigen Gräber, die aus Steinplatten zusammengefügt waren. In drei anderen zum Vorschein gekommenen Grabstellen bestanden die Beifunde im wesentlichen aus je einem Eisenmesser. In einem der Gräber konnten noch die Spuren eines Holzsarges festgestellt werden.

Ein weiteres Plattengrab wurde schon Ende der fünfziger Jahre auf einer kleinen Anhöhe ‘.zwischen Lessenich und Rißdorf in der Flur »Auf dem Kiel« geborgen. An Beigaben enthielt es aber nur einige wenige Gefäßscherben und zwei kleine Glasperlen. Es wird angenommen, daß das Grab schon in alter Zeit ausgeraubt worden ist.

Mehrere Steinplattengräber traten Anfang der fünfziger Jahre bei Flurbereinigungsarbeiten knapp 700 m südöstlich von Rißdorf auf einem Hügel zutage. Leider ist es seinerzeit offenbar nicht zu einer archäologischen Auswertung dieser Funde gekommen.

Bei dem Versuch, die Grabstellen der beiden letztgenannten Fundorte zeitlich ganz grob einzuordnen, muß man berücksichtigen, daß im Bereich des nordöstlichen Eifelvorlandes und der Nordeifel solche Bestattungen in Plattengräbern zwar erstmals im 6. Jh. vorkamen, die überwiegende Mehrzahl aber dem 7. Jh., meist sogar der zweiten Hälfte desselben, angehört.

Der Ort im frühen Mittelalter

Von den genannten Grabplätzen sind die am Ortsrand von Lessenich gelegenen für uns die interessantesten, weil die zugehörige Siedlung mit großer Wahrscheinlichkeit der direkte Vorgänger des heutigen Ortes ist.

Fränkische Friedhöfe lagen üblicherweise in nur geringer Entfernung (ca. 100-300 m) von den Hofstellen, und während diese durchweg eine allerdings hochwasserfreie Tallage an einem Wasserlauf bevorzugten, finden sich die Grabstätten stets in höhergelegenem Gelände, entweder im Hangbereich oder auf Hügeln oder Anhöhen. Überträgt man dies auf die Situation in Lessenich, muß die ehemalige fränkische Siedlung rund 200 m unterhalb der Gräber in der Talmulde gelegen haben, die heute den westlichen Teil des Ortes aufnimmt (den Bereich unterhalb der Kirche mit der Stephanusstraße, der Straße »Im Bienengarten« und den südlichen Teil des Pastoratsweges). Zwar fehlt inzwischen ein fließendes Gewässer, eine wichtige Voraussetzung für die Anlage einer Siedlung in fränkischer Zeit, doch war, wie Aussagen älterer Bürger belegen, in früheren Jahren ein Wasserlauf vorhanden, der von mehreren kleineren Quellen gespeist wurde. Er ist erst bei der Flurbereinigung beseitigt worden.

Die fränkische Siedlung im heutigen Ortsbereich hat, wie die archäologischen Funde ausweisen, bereits gegen Ende des 7. Jhs. bestanden. Sowohl ihre oben erschlossene Lage als auch ihre Fortentwicklung zum Lessenich der ersten Urkunden wird durch Bodenfunde erhärtet, die inzwischen leider abgetragen und teilweise überbaut worden sind. Noch im fünften Jahrzehnt dieses Jahrhunderts waren nämlich im Garten eines Hauses der Stephanusstraße auf einem aufgeschütteten Hügel die Reste einer kleinen Burg, einer sogenannten »Motte«, sichtbar. Es handelte sich um einen runden Turm aus Sandstein, der einen Durchmesser von 8.50 m besaß und damals noch bis zu einer Höhe von 3 m erhalten war. Solche ursprünglich durch Wassergräben geschützte Turmhügel wurden in flacherem Gelände vom Ende des 9. Jhs. an in unmittelbarer Nähe bestehender fränkischer Herrenhöfe errichtet, um deren Bewohner vor Angreifern zu schützen.

Mit den Mitteln der Archäologie läßt sich also der Ort Lessenich mit ziemlicher Sicherheit über das Zwischenglied »Motte« bis zur fränkischen Hofanlage gegen Ende des 7./Anfang des 8. Jhs. zurückverfolgen, und seinen Kern kann man überdies im kirchnahen Bereich um die Stephanusstraße lokalisieren. Einen noch früheren Ursprung des heutigen Ortes legt die »Ortsnamenskunde« nahe, die über die sprachwissenschaftliche Untersuchung des Ortsnamens auch Hinweise auf die Entstehungszeit der betreffenden Orte zu geben vermag. G. Mürkens hat versucht, ihre Methoden und Ergebnisse auf die Ortsnamen des ehemaligen Kreises Euskirchen, Lessenich eingeschlossen, anzuwenden.

Der Ortsname ist älter

Lessenich gehört zu den mehr als 30 Ortschaften im näheren Umkreis mit einem auf -ich endenden Namen. Die Namen dieser Gruppe reichen von allen vorkommenden Ortsnamen unseres Gebiets historisch am weitesten zurück und sind »vorfränkischen, keltisch-römischen Ursprungs«. Sie bezeichnen ursprünglich Hofstellen, indem sie an einen Personennamen — den des Besitzers — eine die Zugehörigkeit ausdrückende Nachsilbe anhängen: das lateinische -acum, das aus dem keltischen -äcon erwachsen sein soll und in der weiteren Sprachentwicklung zu -ich wird. Dabei ist es im Einzelfall zum Teil sehr schwer zu beurteilen und auch immer noch grundsätzlich umstritten, ob die Personennamen auf römische oder keltische Siedler oder gar romanisierte Germanen — vor allem Ubier — zurückgehen.

Für Lessenich zieht Mürkens zwei Deutungsmöglichkeiten in Betracht, von denen er die eine — »Gut des (Römers) Lassonius« — als unmöglich ansieht, wohl aus lautgeschichtlichen Gründen. Seiner Meinung nach ist der Name keltischen (gallischen) Ursprungs und damit »älter als die römische Eroberung Galliens«. Für ihn sind alle mit einem keltischen Personennamen zusammengesetzten -acum-Namen Bezeichnungen für keltische Einzelsiedlungen aus vorrömischer Zeit. Wenn dem so sein sollte, dann hätte also einem Kelten namens Lacinius in der jüngeren Eisenzeit ein Anwesen gehört, das nach ihm benannt wurde: Laciniacum = »Gut des (Kelten) Lacinius«. Mürkens stützt diese Erklärung auf einen nachvollziehbaren Lautwandel und eine Analogie zu Lessenich bei Bonn, das noch im Frühmittelalter in fast ursprünglicher Form als Laciniaco bezeichnet worden sei. Den keltischen Namen hätten demnach die Römer beibehalten und ihn lediglich hinsichtlich der Endung der lateinischen Sprache angeglichen.

Archäologische Befunde, die eine eisenzeitliche Besiedlung oder gar einen Fortbestand solcher Siedlungen während der Römerzeit belegen, sind in der Lessenicher Gemarkung bislang nicht vorhanden. Immerhin ist, wenn auch nur vereinzelt, an anderen Stellen nachgewiesen worden, daß Höfe aus der jüngeren Eisenzeit bis in die römische Epoche fortbestanden (Hof bei Mayen und bei Garsdorf/Erftkreis).An eine endgültige Klärung all der Einzelfragen, die sich beim Versuch einer Deutung des Ortsnamens ergeben, ist sicherlich in absehbarer Zeit noch nicht zu denken, zumal archäologische Befunde und sprachwissenschaftliche Deutung nicht nur im Einzelfalle immer noch beträchtlich auseinanderklaffen. Als sicher können wir jedoch annehmen, daß der Name des Ortes Lessenich nicht erst in der fränkischen Zeit entstand, sondern bereits in der Römerzeit existierte, ob er nun in dieser Zeit selbst oder sogar noch früher entstanden ist. Wie aber kam die fränkische Siedlung angesichts der oben geschilderten Siedlungsunter

brechung zwischen Römer- und Frankenzeit an den römischen Namen?

Zwar wissen wir nicht, wie sich die Übernahme der Herrschaft durch die Franken am Nordostrand der Eitel im einzelnen vollzogen hat. Man nimmt aber allgemein an, daß die Franken die nicht geflüchteten romanischen Bevölkerungsreste an ihren neugegründeten Höfen ansiedelten. Diese werden in manchen Fällen den Namen ihrer bisherigen Siedlung an den in der Nähe gelegenen neuen Platz mitgenommen haben. Nur so ist zu erklären, daß der Name einer römischen Siedlung auf die fränkische Siedlung in Lessenich übergegangen ist.

Dies hat gleichzeitig Konsequenzen für die Entstehungszeit des fränkischen Lessenich. Denn wenn die Übertragung des römischen Namens auf die Aufnahme der romanischen Restbevölkerung zurückzuführen ist, kann die Gründung der fränkischen Hofanlage nicht erst im 7. oder Anfang des 8. Jhs. erfolgt sein, sondern muß in unmittelbarem Anschluß an die römische Zeit, also im 5. Jh. und damit bereits vor der Hauptphase der fränkischen Besiedlung der Voreifel stattgefunden haben. Das heutige Lessenich kann demnach auf eine rund fünfzehnhundertjährige Siedlungskontinuität und eine noch längere Siedlerkontinuität zurückblicken.

Rißdorf und Burg Zievel

Der Ort Rißdorf, der urkundlich erstmals im Jahre 1249 erwähnt wird, ist eindeutig eine fränkische Gründung. Obwohl eine römische Siedlung in unmittelbarer Ortsnähe bestanden hat, ist kein direkter Bezug zur Römerzeit herstellbar. Der Ortsname weist in die Zeit der fränkischen Landnahme oder die unmittelbar folgende Zeit; auch archäologisch ist in der Umgebung von Rißdorf fränkische Besiedlung zu belegen, und zwar für das 6.-7. Jh.

Dagegen gibt es erstaunlicherweise aus dem Zieveler Gebiet keine Hinweise, die nach dem Ende der Römerherrschaft auf eine Wiederbesiedlung durch die Franken schließen lassen. Erst nach einer Jahrhunderte währenden Siedlungsunterbrechung, so scheint es, wurde unweit der ehemaligen römischen Anlage auf einer kleinen Erhebung am Kühlbach eine Hofesfeste errichtet, aus der später eine einteilige Wasserburg entstand. Die erste uns bekannte Urkunde, in der diese Anlage genannt wird, stammt aus dem Jahre 1107. In den folgenden Jahrhunderten wird Burg Zievel dann für den Nachbarort Lessenich so bedeutsam, daß ohne sie einzubeziehen die weitere Geschichte Lessenichs nicht geschrieben werden kann.

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